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FR vom 06.05.05
Flüchtlingsrat fordert Bleiberecht
2000 zog der Verein von Fulda nach Marburg / Interesse an Unterstützung
von Asylbewerbern lässt nach
Von Gesa Coordes
Wenn Mitschüler und Nachbarn abgeschoben werden
sollen, bilden sich häufig Initiativen, um den Flüchtlingen
zu helfen. Der Hessische Flüchtlingsrat in Marburg, der die
Arbeit koordinert, fordert seit Jahren ein Bleiberecht für
Flüchtlinge, die länger als fünf Jahren in Deutschland
leben.
Marburg · 6. Juni · Aus Angst vor der Abschiebung
in die Türkei warf sich der 40-jährige Familienvater Hüseyin
Vurucu vor einen einfahrenden Zug in Stadtallendorf. Heute, drei
Jahre nach dem dramatischen Selbstmord, droht der siebenköpfigen
kurdischen Familie noch immer die Abschiebung. Dabei leben die Vurucus
bereits seit Anfang der 90er Jahre in Mittelhessen und können
auf geradezu beispielhafte Integration verweisen: Ein Sohn ist Schulsprecher,
ein weiterer Klassensprecher, und der älteste Sohn hat seit
Monaten ein Arbeitsplatzangebot bei einer Firma, die ihn sofort
einstellen würde. Mitschüler und Lehrer engagieren sich
für die Familie.
Für den hessischen Flüchtlingsrat ist der Fall ein "ganz
klassisches Beispiel" für Menschen, die keine Chance im
Asylverfahren bekamen, jedoch unbedingt ein Bleiberecht erhalten
sollen. Deswegen startet das in Marburg sitzende Gremium jedes Jahr
gemeinsam mit Pro Asyl eine Bleiberechtskampagne, bei der auch dieser
Fall vorgestellt wurde. Ihre Forderung: Flüchtlinge, die fünf
Jahre hier sind, sollen bleiben können.
Damit wollen sie die Situation der etwa 220 000 geduldeten Flüchtlinge
in Deutschland verbessern, deren Duldung zwar mitunter von Tag zu
Tag immer wieder verlängert wird, die aber eigentlich ausreisepflichtig
sind. Dabei seien die Betroffenen zum Teil hier geboren und gingen
zur Schule.
Der hessische Flüchtlingsrat kümmert sich allerdings selten
um Einzelfälle. Seine Hauptaufgabe besteht darin, die zahlreichen
Flüchtlingsinitiativen in Hessen zu koordinieren und zu unterstützen.
Gegründet wurde er 1991, als das Asylthema noch viele Menschen
umtrieb. Im Jahr 2000 zog die Geschäftsstelle der Einrichtung
von Fulda nach Marburg, weil es in Mittelhessen besonders aktive
Mitglieder gab. Während der Gründungsphase schnellten
die Asylbewerberzahlen von durchschnittlich 70 000 Menschen in den
80er Jahren auf mehr als 400 000 im Jahr 1993 hoch. Es sei, sagt
Geschäftsführer Timmo Scherenberg, zunächst darum
gegangen, die Flüchtlinge menschenwürdig aufzunehmen und
sich den Kampagnen von "Das Boot ist voll" entgegenzustemmen.
Angesichts der Anschläge auf Asylbewerberheime "war es
wichtig, einen Gegenpol zu bilden und Leute zu schützen".
Rassistische Gewalt ist nach Einschätzung des Flüchtlingsrates
zwar nicht rückläufig. Weil es weniger spektakuläre
Übergriffe gebe, werde das Thema seltener wahrgenommen.
Die Flüchtlingsinitiativen haben seit dem Asylkompromiss von
1993, als das Recht auf Asyl stark eingeschränkt wurde, ihren
Schwerpunkt verlagert: Abschiebungen und Abschiebe-Gefängnisse
stehen heute im Mittelpunkt ihrer Arbeit. Unter den Helfern sind
viele kirchlich Engagierte - Caritas und Diakonisches Werk betreiben
auch Beratungsstellen -, Linke aus antirassistischen Gruppen, aber
auch Menschen, die aus persönlicher Betroffenheit reagieren.
Heute gebe es sicherlich nicht mehr ganz so viele Initiativen wie
früher, räumt der Geschäftsführer des Flüchtlingsrates
ein. Das Interesse am Thema habe insgesamt nachgelassen. Aber gerade
in kleinen Orten bildeten sich häufig sehr engagierte Flüchtlingsinitiativen,
erzählt Scherenberg: "Wenn Mitschüler und Vereinskollegen
plötzlich fehlen, werden die Leute mit den ganz konkreten Einzelfällen
in ihrer Nachbarschaft konfrontiert."
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