HESSISCHER FLÜCHTLINGSRAT
Mitglied in der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft PRO ASYL
Geschäftstelle: Leipziger Straße 17 - 60487 Frankfurt a.M.
Telefon: 069 / 976 987 10 - Fax: 069 / 976 987 11 - email: hfr@fr-hessen.de

 

Flüchtlingsrat fordert Bleiberecht

 
 

FR vom 06.05.05

Flüchtlingsrat fordert Bleiberecht
2000 zog der Verein von Fulda nach Marburg / Interesse an Unterstützung von Asylbewerbern lässt nach
Von Gesa Coordes

Wenn Mitschüler und Nachbarn abgeschoben werden sollen, bilden sich häufig Initiativen, um den Flüchtlingen zu helfen. Der Hessische Flüchtlingsrat in Marburg, der die Arbeit koordinert, fordert seit Jahren ein Bleiberecht für Flüchtlinge, die länger als fünf Jahren in Deutschland leben.
Marburg · 6. Juni · Aus Angst vor der Abschiebung in die Türkei warf sich der 40-jährige Familienvater Hüseyin Vurucu vor einen einfahrenden Zug in Stadtallendorf. Heute, drei Jahre nach dem dramatischen Selbstmord, droht der siebenköpfigen kurdischen Familie noch immer die Abschiebung. Dabei leben die Vurucus bereits seit Anfang der 90er Jahre in Mittelhessen und können auf geradezu beispielhafte Integration verweisen: Ein Sohn ist Schulsprecher, ein weiterer Klassensprecher, und der älteste Sohn hat seit Monaten ein Arbeitsplatzangebot bei einer Firma, die ihn sofort einstellen würde. Mitschüler und Lehrer engagieren sich für die Familie.
Für den hessischen Flüchtlingsrat ist der Fall ein "ganz klassisches Beispiel" für Menschen, die keine Chance im Asylverfahren bekamen, jedoch unbedingt ein Bleiberecht erhalten sollen. Deswegen startet das in Marburg sitzende Gremium jedes Jahr gemeinsam mit Pro Asyl eine Bleiberechtskampagne, bei der auch dieser Fall vorgestellt wurde. Ihre Forderung: Flüchtlinge, die fünf Jahre hier sind, sollen bleiben können.
Damit wollen sie die Situation der etwa 220 000 geduldeten Flüchtlinge in Deutschland verbessern, deren Duldung zwar mitunter von Tag zu Tag immer wieder verlängert wird, die aber eigentlich ausreisepflichtig sind. Dabei seien die Betroffenen zum Teil hier geboren und gingen zur Schule.
Der hessische Flüchtlingsrat kümmert sich allerdings selten um Einzelfälle. Seine Hauptaufgabe besteht darin, die zahlreichen Flüchtlingsinitiativen in Hessen zu koordinieren und zu unterstützen.
Gegründet wurde er 1991, als das Asylthema noch viele Menschen umtrieb. Im Jahr 2000 zog die Geschäftsstelle der Einrichtung von Fulda nach Marburg, weil es in Mittelhessen besonders aktive Mitglieder gab. Während der Gründungsphase schnellten die Asylbewerberzahlen von durchschnittlich 70 000 Menschen in den 80er Jahren auf mehr als 400 000 im Jahr 1993 hoch. Es sei, sagt Geschäftsführer Timmo Scherenberg, zunächst darum gegangen, die Flüchtlinge menschenwürdig aufzunehmen und sich den Kampagnen von "Das Boot ist voll" entgegenzustemmen. Angesichts der Anschläge auf Asylbewerberheime "war es wichtig, einen Gegenpol zu bilden und Leute zu schützen". Rassistische Gewalt ist nach Einschätzung des Flüchtlingsrates zwar nicht rückläufig. Weil es weniger spektakuläre Übergriffe gebe, werde das Thema seltener wahrgenommen.
Die Flüchtlingsinitiativen haben seit dem Asylkompromiss von 1993, als das Recht auf Asyl stark eingeschränkt wurde, ihren Schwerpunkt verlagert: Abschiebungen und Abschiebe-Gefängnisse stehen heute im Mittelpunkt ihrer Arbeit. Unter den Helfern sind viele kirchlich Engagierte - Caritas und Diakonisches Werk betreiben auch Beratungsstellen -, Linke aus antirassistischen Gruppen, aber auch Menschen, die aus persönlicher Betroffenheit reagieren.
Heute gebe es sicherlich nicht mehr ganz so viele Initiativen wie früher, räumt der Geschäftsführer des Flüchtlingsrates ein. Das Interesse am Thema habe insgesamt nachgelassen. Aber gerade in kleinen Orten bildeten sich häufig sehr engagierte Flüchtlingsinitiativen, erzählt Scherenberg: "Wenn Mitschüler und Vereinskollegen plötzlich fehlen, werden die Leute mit den ganz konkreten Einzelfällen in ihrer Nachbarschaft konfrontiert."

Weiterführende Links:

 

nach oben